Ich bin nach einem party-, patenkind-, badesee- und – na klar – bratwurstgeladenen Wochenende in Thüringen zurück. Nebenbei wurde ich auch bewahlkämpft, was in Thüringen aber ungefähr so dezent nebenbei passiert wie das ordnungsgemäße Bratwürsterollen bevor man sie auf den Grill legt. Nix besonderes, der Vati macht das halt einfach mal mit und dann wird schon irgendwann mal ein Althaus eine Bratwurst fertig sein. Thüringen funktioniert in Sachen Wählerfang so:

1. Die SPD: Am Straßenrand hängen Plakate mit dem freundlichen Günther Jauch des hiesigen Ortsverbands. Das ist doch arglistige Täuschung, sagen da einige, und glauben, dass der freundliche Herr Jauch Majewski mit seinem Look-a-like-Kontest auf den Plakaten die Wähler verführt. Das ist aber noch nichts gegen:

2. Die CDU: Die hatte ein Plakat geklebt, auf dem Althaus mit diversen Wahlhelfern zu sehen war. Darunter auch der afrikanischstämmige Zeca Schall. Mittlerweile werden diese Plakate ausgetauscht. Warum? Die NPD, die sonst kaum auffällt im Land ohne Prominente, beschimpfte und bedrohte den Mann aufs Übelste, bezeichnete ihn als “Quoten-Neger” und forderte ihn zur “Heimreise” auf. Die würde eigentlich direkt in Thüringen enden, weil Schall seit 1988 hier lebt und seit fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft hat, das weiß aber von der NPD scheinbar niemand beziehunsweise wird das den Herren egal sein. Die CDU dementiert, die Plakate wegen der NPD-Kritik zu tauschen, komisch wirkt das alles trotzdem. Mindestens genauso komisch wie:

3. Die CDU und ihr Wahlwerbepaket: Eine Tüte, auf der mir Dieter Althaus persönlich viel Spaß im Garten wünscht, Sonnencreme (“Damit Sie im Sommer nicht rot werden”), ein Magazin voller Gartentipps und Gartengeschichten aus Thüringen, ein CDU-Senf mit dem Konterfei des Wahlkreiskandidaten. Das ist Wahlkampf, Freunde! Ach ja: Ich habe den Zettel vergessen, dessen Stichpunkten ich entnehmen konnte, dass der Maik Koschewski auf meiner Schule war und Radwege in der Region genauso gut findet wie einen verbesserten Kindergartenschlüssel.

4. Die Linke: Die hatte ganz schön verkackt mit ihren zwei inhaltsgeladenen Prospekten. Also grilltechnisch-thüringisch können die nix holen.

Ich überlege jetzt, was und wie ich wählen soll. Freunde, ich sage euch, das wird nicht leicht.

Grüße von mir und meinem Bratwurstbauch,

Kristin

 

Okay, Freunde, wer von euch Bürschchen war entgegen des Wunschs von Mutti Hansen nicht wählen? Ich hab es übrigens nur gerade so noch geschafft, aber plakatgroße Kommunalwahlzettel mit Kreuzen versehen. Kommunalwahl heißt bei mir wegen der herz- und personalausweißmäßigen Zugehörigkeit zu Thüringen: Ich kann stolz bekannt geben, dass in meiner Hood weder die NPD noch die Rep kandidiert haben. Yeah. Anders in Leipzig. Schande, schande. Eigentlich könnte man renteneintrittsberechtigte Sanitärinstallateure und Lokomotivführer ja als Bereicherung der demokratischen Stadtparlamentsstruktur ansehen, wenn es nicht so traurig wäre, alles.

Andere Randgruppe: Axolotls. Experimente der Natur, Lurche im Larvenstadium aus Mexiko, die wegen einer Schilddrüsenunterfunktion keine Metamorphose durchleben können und daher eher unaufgeregt in kühlem abgestandenen Wasser ein glückliches Molchleben führen. Hab ich persönlich leider noch nicht kennengelernt, werde ich aber bald bei einem Besuch bei Simon und Annina nachholen und euch mit Fotos des wundersamen Tiers beglücken. Bis dahin eine Hymne für alle Axolotls dieser Erde:

EDIT: Scheiße, ich schein wirklich in einer sehr speziellen Spezialhood zu wohnen, auf die man berechtigt stolz sein kann. Denn woanders in Thüringen gibt’s jetzt leider auch NPD-Nasen in Parlamenten. Aaaargh…

 

…und ich möchte, dass ihr am 7. Juni da alle hingeht. “Ich bin nicht da” zählt nicht – da könnt ihr mal schön Briefwahl beantragen. “Das bringt nix” ist feige und gegen “Ich weiß nicht, wen ich wählen soll”, könnt ihr was machen. Ich lege euch den Wahlomat der Bundeszentrale für politische Bildung ans Herz. Das geht relativ schnell, macht Spaß und ihr habt danach mal einen groben Plan, welche Parteien euch nahe sein könnten.

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