Wie hörte ich neulich? “Ostdeutschland ist ein Altenheim und der MDR ist der Hauskanal.” Stimmt natürlich nicht ganz, aber in einigen Punkten fragt sich selbst der geneigte MDR-Journalist, was das alles soll.

Udo Reiter, der twitternde Intendant, erklärt das in einem Interview so:

“Der Ostalgie-Effekt war kalkuliert. Bei Politik, Wirtschaft, Kultur haben wir das Programm von Grund auf erneuert, aber in der Unterhaltung haben wir bewusst an DDR-Traditionen angeknüpft. Das hat vielen Leuten gut getan, für die sich damals ja alles verändert hat. Wenigstens die Schlagersänger und die Unterhaltungskünstler sind die alten geblieben – das war psychologisch nicht verkehrt. Das hat zur Zustimmung zum Mitteldeutschen Rundfunk sicher beträchtlich beigetragen.”

Okay, aber zwanzig Jahre später sollte man doch langsam mal das Trauma verarbeitet haben und also die Dosis an Prosac-Schlagersängern absetzen können und ein bisschen mehr Programm für die Alten von morgen reinnehmen. Die wollen ja auch motiviert werden, später den Hauskanal zu schauen.

Frohes Mauerschubsen wünscht

Frau Hansen.

 

Der Intendant des MDR twittert jetzt auch. Ach. Was soll man dazu sagen…

In tiefer Trauer, denn sie kann ja mit gelöschtem Account nicht mehr der Twitter-Freund von Herrn Reiter werden,

Frau Hansen

 

Nein, ich werte keine Wahlergebnisse aus (außer ein dreifaches Yeahyeahyeah darauf, dass die NPD in Thüringen nicht drinne ist). Ich will muss kurz in eine monatelang angeritzte Kerbe schlagen, und zwar: Ich hassehassehasse Twitter. Hängt zum Einen zusammen damit, dass ich iPhones so bedeutsam finde wie Tamagotchis früher. Zwei Dinge sind da nur anders: Der frühere Klassikersatz “Guck mal wie meins gewachsen ist” heißt jetzt “Guck dir mal meine neue Wasserwaagenapplikation an” und: Tamagotchi hab ich mitgemacht, aber ob meiner unendlichen Weisheit weiß ich mich jetzt der iPhone-Manie zu entziehen.

Warum zum Henker muss ich überall in der Stadt die Möglichkeit haben, meine Emails zu checken, wenn man doch auch mal die kommunikative Zwangspause genießen kann und warum kann man es nicht auch einfach mal gut finden, nach dem Weg zu fragen statt auf dem kleinen Bildschirmchen die Googlemaps in die richtige Richtung zu drehen? Muss man nicht, ich nicht.

So. Und die Oberperversion dieser iPhone-Grütze ist die Kombination mit Twitter. Folgende Szene: Wir sind beim HGB-Sommerfest und der nächstsitzende iPhonebesitzer im Freundeskreis ist total freudig erregt, als er bei Twitter liest, dass jemand getwittert hat, dass es ja krass ist, dass beim HGB-Fest Gogos tanzen und er twittert da jetzt mal zurück. Aha, okay… Kann man machen, man kann aber auch einfach die Real-Life-Social-Net-Sache mal wieder forcieren. Gut, jetzt ist das ja noch ganz süß und schöner Jungskram, mit dem man sich auf mikrotechnische Art und Weise beschäftigen kann. Aber was richtigrichtig nervt ist, wenn Nachrichten, mit Vorliebe Musiknachrichten im Radio, von Twittermeldungen dominiert werden und ich so erfahre, mit wem sich Lily Allen gerade zofft oder dass Miley Cirus gerne so wäre wie Britney Spears. Who cares? Ja, verdammt, sinnlosen Tratsch gab es schon immer, aber da war er noch stilecht dramatisiert von Frau Weischenberg und nicht so billig selbstproduziert.

Und das allerallerallerbeschissenste ist dieser “ERSTER!!!”-Wettlauf um die möglichst zeitnahe Bekanntgabe von geheimen Sachen, wie eben jetzt gerade den Wahlergebnissen. Was soll das denn? Wir sind doch nicht beim Quiz und Twitter ist kein Buzzer, ihr Idioten.

Ziemlich erregt versucht Frau Hansen jetzt, ihren Twitter-Account zu löschen – fände sie die verwaisten Zugangsdaten wieder.

Ach so, aber zum abendlichen Spaß noch eine Handlungsempfehlung: Geht mal auf bing.de und gebt als Suchwörter sachsen cdu ein. Ich denke ja, die Wahl muss wiederholt werden wegen gefährlicher Wählertäuschung…

 

Liebe Freunde der Naturbeobachtung,

bei meinen Eltern zu Hause brüten Stare in Kästen, die der Papa voller Stolz gebaut und angebohrt hat und in Weimar gehen Amselmuttis mit drei Regenwürmern im Maul über den Friedhof spazieren und im Leipziger Himmel fliegen die Mauersegler Salti (wieder einen Plural gelernt, Freunde). Das alles finde ich so großartig, dass es mir schon wieder ein bisschen Angst macht. Zu Ostern habe ich meinem Papa noch ein Vogelbeobachtungsbuch geschenkt und überlege jetzt ernsthaft, mir das auch noch zu kaufen (die 5 Euro wären dann mal adäquat angelegt). Neben Vogelzwitschern finde ich in letzter Zeit auch so dermaßen alte Dinge wie Gärtnern und Stricken gut, was dazu führt, dass ich das “Stricken für Anfänger”-Buch aus Scham vor dem Freund verstecke und ernsthaft überlege, was dann wohl kommen soll, wenn ich so alt bin, wie es meine Aktivitäten jetzt schon vermuten lassen. Vielleicht geh ich dann ja auf wilde Technoparties und rasiere mir Muster ins Kopfhaar. Antizyklische Lebensgestaltung und so.

Eine Sache, dachte ich, wäre aber jetzt logisch: Wenn ich Vogelzwitscher und sowieso Kommunizieren mag, dann könnte ja Twitter was für mich sein. Ich mich also angemeldet. Und jetzt kriege ich andauernd “Following Requests” (Achtung, Festhalten: Markus Kavka will mich beim Twittern beobachten!), aber ich weiß nicht, was ich genau machen soll, damit es den Leuten nicht leidtut, meinen SMS-langen Texte im Netz zu lesen. Was also tun? Das sag ich euch: Blogschreiben und in den Himmel gucken. Vogelgezwitscher fetzt nur real, nicht digital.

So, und jetzt schön rausgehen, Kinder, und Amseln zählen!

Großmutter Hansen.

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