Mein lieber Kollege P. ist großer Wurst-Fan und auch ich als Thüringer Kind bekenne mich zumindest zu einem gewissen Grad an Bratwurstfaschismus, wenn ich mich zum Beispiel an sächsischen Grills befinde und die daraufliegenden Würste verschmähe. Zu Recht! Jedenfalls… Bin ich heute über Umwege auf eine gar lustige Seite gelangt. Bei wurstblog.de gibt es zum Beispiel diese wichtige Grillverordnung:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch finden sich kleidsame Leibchen, wie dieses, welches es scheinbar nur als Männer-Variante gibt:

 

 

 

 

 

 

 

Viel Spaß beim Wurstseitenstöbern. Ich geh jetzt Abendessen – es gibt frische Mortadella, kein Witz. Für euch zum Appetitholen noch ein Liedchen:

Bo Marley mit “Fleisch” – geht los bei 5:38 from dirtie auf Vimeo.

 

Es ist Gartenpartywochenende. Jedes Jahr gibt mein Schulfreund eine Gartenparty und jedes Jahr kommen alle. Ein Jahr gab es mal Spanferkel, in einem Jahr hat Henne den Grill mit Benzin angezündet (ein Sündenfall im Heimatland der Grillerei), die Schnapssorten wechseln, die Nummer eins in den Grillparty-Singstarcharts bleibt dagegen seit Jahren gleich und, so fürchte ich, wird es für die Ewigkeit sein: “Wünsch dir was” von den Toten Hosen. Es gibt einen Klimmzugkontest, den in der Jungskategorie immer der Gastgeber gewinnt und bei der in der Mädchenkategorie ein Klimmzug ausreicht, um als Siegerin zu gelten. In diesem Jahr war ich das zusammen mit meiner Grundschulfreundin und wir haben mit Ramazotti drauf angestoßen. Das ist alles so zauberhaft Schulzeit-oesk, dass es sich irgendwie echt anfühlt.

Das möchte man dann gern für diesen Abend alles glauben, aber dann beschleicht einen fast gleichzeitig ein subtiles Gefühl, das man früher als Erwachsenenkram abtat, weil es das ja auch ist, aber man ertappt sich, wie man seufzt: “Kinderkinderkinder, wie die Zeit vergeht.” Sämtliche Prüfungs-, Diplomarbeits- oder auch WG-Geschichten sind durch, es geht jetzt in den Gesprächen um Arbeitseinstieg, Gehaltsverhandlungen, Ehepläne, Kindernamen und Nestbauaktivitäten. Es geht auch um Schwiegereltern und Fahrradtouren am Wochenende. Wie anständig und erwachsen man zwischen zwei Gartenpartys doch geworden ist. (Außer Henne: Der zieht die Punksache ernsthaft durch, mit “ACAB”-Tattoo auf dem Unterarm, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und “Platzverweis für Polizisten”-T-Shirt.)

Und wie heimatverbunden. Viele Schulfreunde sind in Thüringen geblieben oder dorthin zurück gekommen. Selbst die Rebellen von früher fragen gern mal nach, ob man denn nicht auch über den Kauf eines Einfamilienhauses, vorzugsweise im Postleitzahlenbereich der Eltern, nachdenke. Oha. Nein, natürlich nicht. Ist ja auch klar: Faktisch gibt es hier nichts zu tun – außer bei der Lokalzeitung oder dem Lokalsender, der “Fernsehen” mit “Werbeschrifttafeln” verwechselt. Faktisch ist auch nichts los. Am Wochenende war außer der Party noch Bierfest, an dessen Attitüde ich mich mit Grauen erinnere. Faktisch hatte meine Mutter doch recht, als sie mir mal in Bezug auf Eltern-Kinder-Sachen sagte: “Über die Ferne liebt es sich leichter.”

Aber dann fährt man am nächsten Tag durch dieses Thüringen, man wandert durch Flusstäler, die so schön sind, dass es schon fast weh tut, man hört nichts, außer Vögelzwitschern und Bachrauschen, man sieht diese Berge, man sieht dieses Grün, man atmet diese Luft. Man steigt nach alldem in sein Auto, der Vater verabschiedet sich in den Garten, die Felder ziehen an der Seitenscheibe vorbei und man glaubt bei jedem einzelnen Erdhaufen, dass er Zuhause bedeutet. Man würde jetzt gern umkehren und mit in den Garten gehen, einen Wein trinken und danach mit den Freunden zur Gartenparty. Man würde gern morgen wieder durch die Täler laufen und an nichts denken. Der Freund sagt: “Frau Hansen, das nennt man Heimat.” Je länger ich weg bin, umso mehr merke ich das. Im Autoradio läuft – und das ist die Wahrheit und keine romantisierte Märchengeschichte – “You are a tourist”:

“And if you feel just like a tourist in the city you were born: Then it’s time to go”

Ich beschließe also, mit der Heimat wie mit einem geliebten Urlaubsort zu verfahren. Man kommt ja wieder. Und wenn man ehrlich ist: Vermutlich würde man nicht noch mal in den Garten gehen und Wein trinken, weil man noch irgendwas machen muss. Vermutlich wären die Freunde mit dem Ausbau des Einfamilienhauses beschäftigt und vermutlich würden einen diese Täler genauso anöden wie das Einkaufspotential Saalfelds. Und man würde sich nach Leipzig sehnen.

“And define your destination: There’s so many different places to call home.”

Leipzig. Man kann ja auch zwei Zuhauses haben. Welch Luxus eigentlich.

 

Ich war dieses Jahr noch nicht einmal aktiv in Thüringen. Das ist sehr schade. Dafür habe ich in diesem Jahr das erste Mal die Thüringenhymne angehört. Das möchte ich euch auch bitten, dass ihr das jetzt mal macht:

Hach. Schön.

 

Kurz vor Weihnachten sind noch Dinge passiert, die mir wohl bedeuten wollen, dass es jetzt wirklich bald vorbei ist mit der jugendlichen Schonfrist. Ich bin Besitzerin eines Presseausweises geworden, ich habe das erste Mal richtiges Geld bekommen vom MDR, ich habe gefühlt hundertzweiunddreißigseitige Fragebögen vom Finanzamt bekommen und deswegen jetzt also auch eine Steuerberaterin. Das klingt alles nach Big Business, fühlt sich aber gar nicht so an.

An einer Sache werde ich aber die ganzen Weihnachtsfeiertage und überhaupt für immer zu kauen haben: Die Steuerberaterin machte mir deutlich, dass es finanziell erheblich günstiger wäre, wenn ich dann doch mal bald den Hauptwohnsitz nach Leipzig verlegen würde. Das heißt also aus Thüringen weg. Das heißt also, ich werde nächstes Jahr Vollsächsin. Das klingt jetzt hier alles so lapidar, aber das ist echt ne harte Nummer emotional für mich. Ich fand das bisher irre stark, nur so in Leipzig zu wohnen, aber im Herzen und auf dem Pass zu Thüringen zu gehören. Jetzt bleibt bald nur noch das Herz, das grüne schwere. Ach, ach.

Auf der Suche nach Auswegen aus der Auswanderung (was ist das denn für ein Satz, bitte?),

Frau Hansen.

 

Heute: Poetry Slam in der sächsischen Parteienkonkurrenz. MC Stanislaw heizt das Battle mit folgendem Rhyme an: “Keine Faxen. Für Sachsen.” Yeah, Alter. Leider geklaut, wie ich eben feststellen musste. Wenn das mal keine Klage gibt:

The incredible Faxen aus Sachsen.

The incredible Faxen aus Sachsen.

Und zum Tagesabschluss mal wirklich ein netter Spruch: “Grün rein, Alt raus.” Haben sich die thüringischen Grünen ausgedacht und rundherum eine sommerlich-frische Seite gebaut. Daumen hoch dafür, es muss ja auch mal gelobt werden im Wahlkampf.

 

Ich bin nach einem party-, patenkind-, badesee- und – na klar – bratwurstgeladenen Wochenende in Thüringen zurück. Nebenbei wurde ich auch bewahlkämpft, was in Thüringen aber ungefähr so dezent nebenbei passiert wie das ordnungsgemäße Bratwürsterollen bevor man sie auf den Grill legt. Nix besonderes, der Vati macht das halt einfach mal mit und dann wird schon irgendwann mal ein Althaus eine Bratwurst fertig sein. Thüringen funktioniert in Sachen Wählerfang so:

1. Die SPD: Am Straßenrand hängen Plakate mit dem freundlichen Günther Jauch des hiesigen Ortsverbands. Das ist doch arglistige Täuschung, sagen da einige, und glauben, dass der freundliche Herr Jauch Majewski mit seinem Look-a-like-Kontest auf den Plakaten die Wähler verführt. Das ist aber noch nichts gegen:

2. Die CDU: Die hatte ein Plakat geklebt, auf dem Althaus mit diversen Wahlhelfern zu sehen war. Darunter auch der afrikanischstämmige Zeca Schall. Mittlerweile werden diese Plakate ausgetauscht. Warum? Die NPD, die sonst kaum auffällt im Land ohne Prominente, beschimpfte und bedrohte den Mann aufs Übelste, bezeichnete ihn als “Quoten-Neger” und forderte ihn zur “Heimreise” auf. Die würde eigentlich direkt in Thüringen enden, weil Schall seit 1988 hier lebt und seit fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft hat, das weiß aber von der NPD scheinbar niemand beziehunsweise wird das den Herren egal sein. Die CDU dementiert, die Plakate wegen der NPD-Kritik zu tauschen, komisch wirkt das alles trotzdem. Mindestens genauso komisch wie:

3. Die CDU und ihr Wahlwerbepaket: Eine Tüte, auf der mir Dieter Althaus persönlich viel Spaß im Garten wünscht, Sonnencreme (“Damit Sie im Sommer nicht rot werden”), ein Magazin voller Gartentipps und Gartengeschichten aus Thüringen, ein CDU-Senf mit dem Konterfei des Wahlkreiskandidaten. Das ist Wahlkampf, Freunde! Ach ja: Ich habe den Zettel vergessen, dessen Stichpunkten ich entnehmen konnte, dass der Maik Koschewski auf meiner Schule war und Radwege in der Region genauso gut findet wie einen verbesserten Kindergartenschlüssel.

4. Die Linke: Die hatte ganz schön verkackt mit ihren zwei inhaltsgeladenen Prospekten. Also grilltechnisch-thüringisch können die nix holen.

Ich überlege jetzt, was und wie ich wählen soll. Freunde, ich sage euch, das wird nicht leicht.

Grüße von mir und meinem Bratwurstbauch,

Kristin

 

Okay, Freunde, wer von euch Bürschchen war entgegen des Wunschs von Mutti Hansen nicht wählen? Ich hab es übrigens nur gerade so noch geschafft, aber plakatgroße Kommunalwahlzettel mit Kreuzen versehen. Kommunalwahl heißt bei mir wegen der herz- und personalausweißmäßigen Zugehörigkeit zu Thüringen: Ich kann stolz bekannt geben, dass in meiner Hood weder die NPD noch die Rep kandidiert haben. Yeah. Anders in Leipzig. Schande, schande. Eigentlich könnte man renteneintrittsberechtigte Sanitärinstallateure und Lokomotivführer ja als Bereicherung der demokratischen Stadtparlamentsstruktur ansehen, wenn es nicht so traurig wäre, alles.

Andere Randgruppe: Axolotls. Experimente der Natur, Lurche im Larvenstadium aus Mexiko, die wegen einer Schilddrüsenunterfunktion keine Metamorphose durchleben können und daher eher unaufgeregt in kühlem abgestandenen Wasser ein glückliches Molchleben führen. Hab ich persönlich leider noch nicht kennengelernt, werde ich aber bald bei einem Besuch bei Simon und Annina nachholen und euch mit Fotos des wundersamen Tiers beglücken. Bis dahin eine Hymne für alle Axolotls dieser Erde:

EDIT: Scheiße, ich schein wirklich in einer sehr speziellen Spezialhood zu wohnen, auf die man berechtigt stolz sein kann. Denn woanders in Thüringen gibt’s jetzt leider auch NPD-Nasen in Parlamenten. Aaaargh…

 

Eine traumhafte Allegorie am Ende eines wahrlich traumhaften Tages. Der Freund und ich sind seit heute für ein verlängertes Wochenende in elterlichen Gefilden und es fühlt sich jetzt schon an wie Urlaub. Ich mag Thüringen unheimlich gern, das wird mir immer mehr bewusst, je mehr mir Leipzig ans Herz wächst. Hä, wie geht denn das? Als Kontrastprogramm. Klar kann man hier nicht auf Dauer wohnen (ich nicht), denn es fehlen einfach so Sachen wie ein großer Rundfunksender (jaaaa, ihr Experten, das Landesfunkhaus zählt jetzt nicht), eine Karli, die Möglichkeit, abends aus mindestens zehn Veranstaltungen zu wählen, der Cossi, die eigene Wohnung, die Freunde und die Dinge, die mir kurz entfallen sind, wenn es um Stadtleben geht.

Aber man kann ja auch nicht nur die ganze Zeit Arte gucken. Deshalb hat Thüringen so ab und zu echt seine Vorteile, wenn es um Wiesen, Würste und – ja – auch Wein geht. Ich habe heute erstmals thüringischen Wein getrunken (am Vormittag in der Sonne auf einem Weingut an der Saale hellen Strande - das ist genauso idyllisch und kitschig und betrunkenmachend wie ihr euch es jetzt gerade vorstellt) und wieder einen Grund gefunden, das alles hier superst zu finden. Beweisfotos folgen. Ich trage mich ernsthaft mit dem Gedanken, für immerimmerimmer hauptwohnsitzende Thüringerin zu bleiben.

Bitte entschuldigt die heimatliche Liebeserklärung und schiebt es auf die Auswirkungen einer Schweinegrippenwoche. Als Ausgleich habe ich für euch noch ein tolles Rätsel. Seit gestern weiß ich dank dem Freund, wie Old Shatterhand mit Vornamen hieß und wer das von euch rauskriegt, bekommt auch wieder ein virtuelles Eis (das alte ist ja noch übrig, weil keiner auf die Simmi-Sache reagierte, aber keine Angst, das ist noch gut). Ach ja: “Old” is falsch, das kann ich euch schon mal sagen…

So, na dann, ab nach Thüringen und ausruhen, ihr geplagten Gemüter!

Die Lokalpatriotin.

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