Wir waren heute in Woodstock. Jeder Bundesstaat sollte sein eigenes Woodstock haben, hat wohl mal jemand gedacht, und in fast jedem Bundesstaat eins gegründet, so auch in Vermont. Auf dem Weg nach Süden hat uns der Highway 7 durch noch einen neuen Bundesstaat geführt und das hat sich gelohnt. Nicht, dass wir nun also Woodstock kennen, ein schönes, kleines Städtchen, das im Winter wohl vor allem vom Wintersport lebt. Vermont war noch mal ganz anders als alle anderen Staaten zuvor. Links und rechts grüne Berge, schier endlose Wälder und zwischendurch mal ein vereinzelter Bauer, der auf seinem John-Deere-Traktor Heu geladen hat. Vermont hat den Beinamen “Green Mountain State”, weil hier eben die Ausläufer der Appalachen Green Mountains heißen und dieser Name ist wirklich reizvoll einleuchtend.

Im Süden grenzt wieder Massachusetts an Vermont und da sind wir jetzt, in den Berkshire Hills, die gegen die Berge in Vermont wirklich nur kleine Hügelchen sind. Aber: Hier, tief im Wald, gibt es die Bash Bish Falls. Wenn es schon nicht die Niagarafälle wurden, dann doch aber diese lustig klingenden Wasserfälle. Das aufregendste war der Weg dorthin. Steinig, steil und adrenalingeladen, denn: Am Anfang lockte eine Infotafel mit diesem Warnschild hier:

Wer es nicht erkennen oder lesen will: Es wird vor Klapperschlangen gewarnt. So sehr es mich um die Biodiversität in diesem Kleinod freut, so sehr muss ich doch sagen, dass ich Klapperschlangen wie auch alle anderen Arten von Schlangen und Echsen für durchaus verzichtbare Geschöpfe der nördlichen Hemisphäre halte. Thomas musste also allein den Geocache suchen, den Spaßvögel unter großen Felsbrocken im Wald versteckt hatten. Um ihn lebend wieder zu sehen, rüstete ich ihn dafür mit einem Giegelstock aus. Ich wartete unterdessen, ebenfalls mit einem Giegelstock bewaffnet, an einem mir sicher erscheinenden Baum. Glücklicherweise hatte sich nirgends in unserem wahrnehmbaren Umfeld eine Rattlesnake versteckt, Thomas machte nur Bekanntschaft mit diversen Kröten und mich erschreckten die potentiellen Nahrungsgrundlagen der Schlangen (Streifenhörnchen, Eichhörnchen) durch klapperschlangenmäßiges Rascheln im Gebüsch zu Tode.

Die Angst ist jetzt also längst weg, trotzdem bekämpfe ich Reste von ihr mit Mädchenbier, dessen Kauf schon allein wieder eine Geschichte für sich war: Im “Liquor Store” reichte es nicht, dass ich meinen Ausweis vorzeigen musste. Thomas musste extra nochmal ins Auto und seinen Pass holen, weil die Verkäuferin ihn für zu jung für dieses Sixpack “Light beer” hielt. Er soll das als Kompliment nehmen, sagte die Dame. Na dann: Auf die Jugend!

 

Fährt man von Boston aus nach Norden – und das haben wir heute getan – kommt man nach New Hampshire. Der aufmerksame Leser wird mitgezählt haben: Nach New York, Connecticut, Rhode Island und Massachusetts ist das jetzt unser fünfter Bundesstaat und dessen Slogan, warum auch immer, lautet: Live free or die.

Das Etappenziel heute war der Lake Winnepesaukee. So unaussprechlich er ist, so schön ist er. Der größte dieses Bundesstaats und so zerfranst am Ufer, dass man denkt, es sind fünftausend einzelne kleine Seen. Wir haben uns mal wieder ein Motel ausgesucht, das durch den typischen Bungalow-Geruch und einen Röhrenfernseher mit Flimmern auf dem Bild besticht. Das Beste am Motel ist der Zugang zum Wasser und der kostenlose Bootsverleih. So sind wir also heute Nachmittag ein paar Stunden über den See gepaddelt und waren gerade zurück, als eine große Regenwolke alles ausschüttete, was sie zu bieten hatte.

Nach zwei Geocaches im Ort haben wir uns was zu essen mitgebracht und – das ist wirklich bemerkenswert – Alkohol gekauft! Den gab es bislang ja in keinem Supermarkt, sondern nur in speziellen Läden und nur gegen Vorzeigen des Personalausweises. In Cape Cod wurde Thomas doch tatsächlich gefragt, ob er schon 21 sei. Weil er dies nicht durch einen Ausweis belegen konnte, sagte der Verkäufer, dass ich jetzt das Zeug aus dem Laden raustragen muss. It’s the law. Davon später mehr…

Jetzt sitzen wir also vor unserem Bungalow, trinken Rotwein aus Styroporbechern (was will man machen) und knobeln gleich noch aus, in welchem von den zwei Riesenbetten im Zimmer wir heute Nacht schlafen. Ich habe bereits vorgeschlagen, dass wir die Hälfte der Nacht in dem einen und nach dem Weckerklingeln um 3 dann in dem anderen schlafen. Wurde abgelehnt, der Vorschlag.

Morgen geht’s weiter nach Hanover zu Karo, die sich, wie ich gesehen habe, bereits ihre Fußnägel für den 4. Juli lackiert hat. Vorfreude überall! Auch bei uns.

 

Nach so viel Sommerfrische und Ruhe an den Stränden sind wir zurück in der Stadt. Boston. So viele Einwohner wie Leipzig in etwa, aber viel zersiedelter, wie der Herr Geografie-Leistungskurs zu sagen pflegt. Rein zu kommen dauert ewig, aber jetzt haben wir wieder ein kitschig-plüschiges Hotelchen gefunden, von dem aus wir in zehn Minuten mit der U-Bahn in der Innenstadt sind. Und dort kann man alles erlaufen. Weil die Stadt eine der geschichtsträchtigsten hier drüben ist, reiht sich ein sehenswertes Gebäude an das andere und alles ist mit einem roten Strich auf dem Fußweg miteinander verbunden. Da läuft man nicht sinnlos in die falsche Richtung und sieht alles in fünf Kilometern. Super. Wäre doch auch mal eine Idee für Leipzig eigentlich.

Boston fühlt sich viel entspannter, lebenswerter und – vielleicht deshalb das Ganze – europäischer an als New York. Überall sind kleine Parks mit Teichen und Mega-Schwan-Tretbooten drauf. Ein armer kleiner Student sitzt hinten, strampelt und bewegt fünfzig übergewichtige Amerikaner um eine kleine Insel. Denen scheint es zu gefallen, denn sie rufen sich auf den umgebenden Fußwegen zu: „Have you seen this beautiful swan?“. Ja, haben wir. Und er ist verdammt kitschig und der arme Junge da hinten wird sicherlich regelmäßig von seinen Kumpels ausgelacht – zu Recht. Aber das macht nichts.

Ich habe gelesen, dass sie in Boston irgendwann alle Hügel abgetragen und ins Meer gekippt haben, um neues Bauland zu gewinnen. Dinge ins Meer kippen kann man hier gut, das haben die Rebellen bei der Boston Tea Party mit Tee schon mal gemacht und dann ging es mit der Unabhängigkeit endlich vorwärts. Auch das mit dem Hügel ins Meer kippen war gar keine so blöde Idee, denn auf dem entstandenen neuen Land ist jetzt eine ganz passable Einkaufsstraße mit normalen Restaurants und kleinen Lädchen. Einen Hügel haben sie zum Glück verschont und der heißt Beacon Hill. Eigentlich nur aneinandergereihte Backsteinhäuser im englischen Stil, aber so schön und durch die Laternen, die scheinbar nie aus gehen und die Bäume vor den Häusern irgendwie wundervoll antiquiert.

Unsere Füße entspannen gerade von den gut 20 Kilometern, die sie uns heute durch die Straßen getragen haben. Morgen müssen die wieder fit sein – es geht nach Cambridge, das quasi zu Boston gehört und die Harvard University beherbergt.

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