“Ein Aktivismus auf einmal!”, sagt der Freund, der gerade die letzten Blogeinträge liest und, wie vermutlich alle, die gewohnheitsgemäß alle zwei Monate auf diesen Blog steuern und ausgelesene alte Dinge erwarten und dann doch überrascht sind, dass hier noch Leben ist. Ha! Nehmt dies, ihr Feiertagsblogleser.

Wir sind im Mai, es ist Frühling, es ist schon fast Sommer eigentlich und es ist München. Wir sind vorübergehend bei einem Freund quasi eingezogen, es fühlt sich jedenfalls nach WG an und auf seinem Balkon erdulde ich, dass der Gasgrill angeworfen wird. Das ist nur möglich, weil keine Thüringer Bratwürste draufliegen (merke: die gehören ausschließlich auf einen Holzkohlegrill). Gestern war Biergarten, heute ist Finale dahoam. Die gesamte Stadt ist FC-bayernisiert und natürlich hoffen wir auch, dass die Bayern gewinnen, einfach, weil wir danach die Feiersache mitnehmen wollen. Nach dem Spiel gibt’s aber keine Feiersache mehr, es gibt traurige Teenagerjungs in der U-Bahn, die in die Haare ihrer Freundinnen weinen. Ich wundere mich in diesen Tagen über den Englischen Garten, der so überfüllt ist, dass man gerade so einen halben Quadratmeter zum Sitzen – an Liegen ist hier nicht zu denken – findet, über Fahrschul-Porsches und vermisse später die Möglichkeit, in Leipzig auf dem Markt in einer von fünfzehn Metzgereien eine Leberkässemmel kaufen zu können.

Das Lied des Monats:

 

“Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.” So hat der Goethe Leipzig die Liebe erklärt, glaubt jeder, aber das stimmt nicht. Er hat es jemanden sagen lassen, damit das mal geklärt wird. Das ist ja nun etwas anderes. Einen Saufkopf hat er es sagen lassen, einen Angeber, und er hat es ihn in seinem Faust sagen lassen, in der Szene in Auerbachs Keller. Man weiß also nicht, ob Goethe Leipzig nun gut fand, jedenfalls nicht aufgrund dieses Zitats. Es ist auch recht unerheblich, wie dieser alte und noch dazu tote Mann die Stadt fand.

Viel wichtiger ist, wie man als lebendiger und nicht allzu toter Mensch diese Stadt findet, die doch die auserkorene Heimatstadt ist. Das herauszufinden habe ich mein Empfinden auf folgende Probe gestellt: Ich habe vier deutsche Großstädte in vier Wochen besucht. Städte, die wahlweise als Perle, Schickeriahochburg, Moloch oder hippste welche Europas verschieen sind. Städte, in denen die geneigte Jugend ihren Führerschein gleich auf einem Porsche machen kann oder gleich mit dem von Papa bezahlten Motorboot über das bisschen Wasser kurvt, was noch nicht totgebaut wurde. Städte, in denen der Schwulst der 70er Jahre so dick an der surrealen Disneylandarchitektur klebt, dass man ihn am liebsten mitsamst der gefühllos dazwischen gezimmerten Hochhäuser wegpickern würde. Städte, die nichts besser trifft als der überraschte Ausruf: “Das ist aber alles ganz schön Louis Vuitton hier.”

Na klar, auch Städte mit großartigen Streetarts (einem Indikator für Lebenswertheit von Straßenvierteln, wie ich bemerken sollte), mit Häfen, mit Weite, mit guten Ideen, mit gutgelaunten Menschen. Mit einer Coolness, die einen schon fast frösteln lässt und die einen zwischen all den selbstverständlich-hippen Läden und Clubs und Leuten nicht wissen lässt, wie man sich da jetzt am besten durchbewegen soll.

Tja, und dann kommt man zurück nach Leipzig. Die Stadt zählt seit Urzeiten in den Statistiken zur unlebenswertesten Stadt Deutschlands und ist nun offiziell auch noch die ärmste deutsche Großstadt. Herrje, was für ein Ruf. Damit ist Leipzig aber komplett unterbewertet, zumindest, wenn man nicht die Schickimickimaßstäbe anlegt. Und wenn man die Kristin-Hansen-Städteranking-Maßstäbe anlegt, dann ist Leipzig zum Glück ganz weit vorne gelandet – nicht zu versnobt, nicht zu rauh, nicht zu versaut, nicht zu laut, nicht zu hip, nicht zu künstlich. Klar, hier ist es ein bisschen weniger 45.000-Euro-Jahreseinkommen, dafür ein bisschen mehr schöne-Wohnung-für-bezahlbare-Mieten. Es ist entspannt. Es ist tatsächlich gut, hier zu sein.

Malt jetzt Herzen mit Leipzig in der Mitte und bleibt dann wohl noch ein bisschen hier – Frau Hansen.

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