Es ist Gartenpartywochenende. Jedes Jahr gibt mein Schulfreund eine Gartenparty und jedes Jahr kommen alle. Ein Jahr gab es mal Spanferkel, in einem Jahr hat Henne den Grill mit Benzin angezündet (ein Sündenfall im Heimatland der Grillerei), die Schnapssorten wechseln, die Nummer eins in den Grillparty-Singstarcharts bleibt dagegen seit Jahren gleich und, so fürchte ich, wird es für die Ewigkeit sein: “Wünsch dir was” von den Toten Hosen. Es gibt einen Klimmzugkontest, den in der Jungskategorie immer der Gastgeber gewinnt und bei der in der Mädchenkategorie ein Klimmzug ausreicht, um als Siegerin zu gelten. In diesem Jahr war ich das zusammen mit meiner Grundschulfreundin und wir haben mit Ramazotti drauf angestoßen. Das ist alles so zauberhaft Schulzeit-oesk, dass es sich irgendwie echt anfühlt.

Das möchte man dann gern für diesen Abend alles glauben, aber dann beschleicht einen fast gleichzeitig ein subtiles Gefühl, das man früher als Erwachsenenkram abtat, weil es das ja auch ist, aber man ertappt sich, wie man seufzt: “Kinderkinderkinder, wie die Zeit vergeht.” Sämtliche Prüfungs-, Diplomarbeits- oder auch WG-Geschichten sind durch, es geht jetzt in den Gesprächen um Arbeitseinstieg, Gehaltsverhandlungen, Ehepläne, Kindernamen und Nestbauaktivitäten. Es geht auch um Schwiegereltern und Fahrradtouren am Wochenende. Wie anständig und erwachsen man zwischen zwei Gartenpartys doch geworden ist. (Außer Henne: Der zieht die Punksache ernsthaft durch, mit “ACAB”-Tattoo auf dem Unterarm, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und “Platzverweis für Polizisten”-T-Shirt.)

Und wie heimatverbunden. Viele Schulfreunde sind in Thüringen geblieben oder dorthin zurück gekommen. Selbst die Rebellen von früher fragen gern mal nach, ob man denn nicht auch über den Kauf eines Einfamilienhauses, vorzugsweise im Postleitzahlenbereich der Eltern, nachdenke. Oha. Nein, natürlich nicht. Ist ja auch klar: Faktisch gibt es hier nichts zu tun – außer bei der Lokalzeitung oder dem Lokalsender, der “Fernsehen” mit “Werbeschrifttafeln” verwechselt. Faktisch ist auch nichts los. Am Wochenende war außer der Party noch Bierfest, an dessen Attitüde ich mich mit Grauen erinnere. Faktisch hatte meine Mutter doch recht, als sie mir mal in Bezug auf Eltern-Kinder-Sachen sagte: “Über die Ferne liebt es sich leichter.”

Aber dann fährt man am nächsten Tag durch dieses Thüringen, man wandert durch Flusstäler, die so schön sind, dass es schon fast weh tut, man hört nichts, außer Vögelzwitschern und Bachrauschen, man sieht diese Berge, man sieht dieses Grün, man atmet diese Luft. Man steigt nach alldem in sein Auto, der Vater verabschiedet sich in den Garten, die Felder ziehen an der Seitenscheibe vorbei und man glaubt bei jedem einzelnen Erdhaufen, dass er Zuhause bedeutet. Man würde jetzt gern umkehren und mit in den Garten gehen, einen Wein trinken und danach mit den Freunden zur Gartenparty. Man würde gern morgen wieder durch die Täler laufen und an nichts denken. Der Freund sagt: “Frau Hansen, das nennt man Heimat.” Je länger ich weg bin, umso mehr merke ich das. Im Autoradio läuft – und das ist die Wahrheit und keine romantisierte Märchengeschichte – “You are a tourist”:

“And if you feel just like a tourist in the city you were born: Then it’s time to go”

Ich beschließe also, mit der Heimat wie mit einem geliebten Urlaubsort zu verfahren. Man kommt ja wieder. Und wenn man ehrlich ist: Vermutlich würde man nicht noch mal in den Garten gehen und Wein trinken, weil man noch irgendwas machen muss. Vermutlich wären die Freunde mit dem Ausbau des Einfamilienhauses beschäftigt und vermutlich würden einen diese Täler genauso anöden wie das Einkaufspotential Saalfelds. Und man würde sich nach Leipzig sehnen.

“And define your destination: There’s so many different places to call home.”

Leipzig. Man kann ja auch zwei Zuhauses haben. Welch Luxus eigentlich.

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