Die ersten Tage in New York waren sommerlich, ja, aber seit heute wissen wir, was Sommer in New York bedeutet. Nach kurzem Runterkühlen im neuen Yotel-Zimmer (wir sind aufgestiegen in die 18. Etage, yay!) sind wir raus auf die Straße und das hat sich angefühlt, als würde man durch die heiße Abluft einer Klimaanlage laufen. Bloß war das hier keine heiße Abluft, das war einfach nur die New Yorker Standardsommerluft. In der U-Bahn war eine Frau, die hat ein Buch gelesen mit dem Titel “The Ice Princess”. Das ist vermutlich wie “Mache dir heiße Gedanken, Mädel!”, nur umgedreht für den Sommer.

Die U-Bahn warf uns dann am Central Park raus und wir haben den ganzen Nachmittag unter Bäumen, auf Felsen und an Teichen verbracht. Da ging’s mit der Hitze und als am tränenförmigen John-Lennon-Gedenk-Mosaik ganz melodramatisch ein Sommerregen losbrach, wurde es umso erträglicher.

Der Central Park ist wirklich ein bisschen Dschungel in der Stadt. Nicht ganz so perfekt getrimmt wie die Rasenflächen in Neu England sonst, mit verwildert wirkenden Wäldern und kleinen Seen, in denen Schildkröten schwimmen. Das Dröhnen der Großstadt macht aber permanent und unüberhörbar die Geräuschgrundlage, sodass man nirgends auf die Idee kommt, sich wirklich weit weg zu fühlen. Am Abend prägt das Parkbild eine Horde von Joggern, die irgendwo aus einem Loch gekrochen sein müssen, und nun entweder komplett sportbekleidet oder – wenn man es sich leisten kann – besixpackt oben ohne um das eigene Leben liefen. Auch beliebt scheinen Sprinttrainings mit abenteuerlichen Trippelübungen, Yogastunden vor dem Schildkrötenteich und andere Sportkaspereien mit Personal Trainern zu sein. Wir schlenderten daran vorbei und endlich sahen wir einen Sonnenuntergang, wie er großstadtromantischer nicht sein konnte. Hach. New York. Du hast immer noch Einen in der Hinterhand.

Jul 072011
 

Für diese Reise hier habe ich das erste Mal meinen Presseausweis benutzt. Bei AirBerlin und Hertz gab’s damit Rabatte. Heute habe ich dann gedacht: Eigentlich muss ich dafür gar kein schlechtes Gewissen haben, immerhin ist das Blogtagebuch hier doch auch so etwas wie journalistische Arbeit.

Wobei: Viele von euch haben mir geschrieben und gesagt, dass sie erstaunt sind, dass ich so viel und so oft blogge. Mir kommt das aber tatsächlich nicht wie Arbeit vor. Die Erfahrungen liegen hier massenweise rum, ich muss sie nur aufsammeln und eintippen und das geht, da danke ich nachträglich auch meiner Volkshochschule-Schreibmaschinenkurs-Lehrerin, schneller als mit dem Kuli.

Eure Kommentare und E-Mails haben uns sehr erfreut bei der Reise. Klar schreibe ich das alles auch auf, damit wir uns besser erinnern können, aber es ist schön zu merken, dass noch mehr Leute Spaß dran haben, es zu lesen. Und es ist schön zu wissen, wie es euch im alten Deutschland geht. Danke also.

 

Wir waren heute in Woodstock. Jeder Bundesstaat sollte sein eigenes Woodstock haben, hat wohl mal jemand gedacht, und in fast jedem Bundesstaat eins gegründet, so auch in Vermont. Auf dem Weg nach Süden hat uns der Highway 7 durch noch einen neuen Bundesstaat geführt und das hat sich gelohnt. Nicht, dass wir nun also Woodstock kennen, ein schönes, kleines Städtchen, das im Winter wohl vor allem vom Wintersport lebt. Vermont war noch mal ganz anders als alle anderen Staaten zuvor. Links und rechts grüne Berge, schier endlose Wälder und zwischendurch mal ein vereinzelter Bauer, der auf seinem John-Deere-Traktor Heu geladen hat. Vermont hat den Beinamen “Green Mountain State”, weil hier eben die Ausläufer der Appalachen Green Mountains heißen und dieser Name ist wirklich reizvoll einleuchtend.

Im Süden grenzt wieder Massachusetts an Vermont und da sind wir jetzt, in den Berkshire Hills, die gegen die Berge in Vermont wirklich nur kleine Hügelchen sind. Aber: Hier, tief im Wald, gibt es die Bash Bish Falls. Wenn es schon nicht die Niagarafälle wurden, dann doch aber diese lustig klingenden Wasserfälle. Das aufregendste war der Weg dorthin. Steinig, steil und adrenalingeladen, denn: Am Anfang lockte eine Infotafel mit diesem Warnschild hier:

Wer es nicht erkennen oder lesen will: Es wird vor Klapperschlangen gewarnt. So sehr es mich um die Biodiversität in diesem Kleinod freut, so sehr muss ich doch sagen, dass ich Klapperschlangen wie auch alle anderen Arten von Schlangen und Echsen für durchaus verzichtbare Geschöpfe der nördlichen Hemisphäre halte. Thomas musste also allein den Geocache suchen, den Spaßvögel unter großen Felsbrocken im Wald versteckt hatten. Um ihn lebend wieder zu sehen, rüstete ich ihn dafür mit einem Giegelstock aus. Ich wartete unterdessen, ebenfalls mit einem Giegelstock bewaffnet, an einem mir sicher erscheinenden Baum. Glücklicherweise hatte sich nirgends in unserem wahrnehmbaren Umfeld eine Rattlesnake versteckt, Thomas machte nur Bekanntschaft mit diversen Kröten und mich erschreckten die potentiellen Nahrungsgrundlagen der Schlangen (Streifenhörnchen, Eichhörnchen) durch klapperschlangenmäßiges Rascheln im Gebüsch zu Tode.

Die Angst ist jetzt also längst weg, trotzdem bekämpfe ich Reste von ihr mit Mädchenbier, dessen Kauf schon allein wieder eine Geschichte für sich war: Im “Liquor Store” reichte es nicht, dass ich meinen Ausweis vorzeigen musste. Thomas musste extra nochmal ins Auto und seinen Pass holen, weil die Verkäuferin ihn für zu jung für dieses Sixpack “Light beer” hielt. Er soll das als Kompliment nehmen, sagte die Dame. Na dann: Auf die Jugend!

 

Nachdem wir auf der Reise so viel über die Ursprünge dieses Landes gelernt haben, gipfelte sie an diesem langen amerikanischen Wochenende im Unabhängigkeitstag. Wir wollten sowieso Karo und ihre Familie in Hanover / New Hampshire besuchen und entschieden uns, eben dieses Wochenende hin zu fahren.

Die Reise ging also endlich mal ein Stück von der Küste weg landeinwärts und in den “Norden”: Eigentlich liegt Hanover auf der Höhe von Portugal, aber im Winter wird es knackig kalt und die Landschaft sieht schon sehr kanadisch aus: Viel Wald, wilde, unbegradigte Flüsse und Schilder, auf denen vor kreuzenden Elchen gewarnt wird. Diese Region wurde vor 250 Jahren erst wirklich besiedelt, weil hier alles so voll Wald war, dass es ein echter Kraftakt war. Hanover ist ein hübsches kleines Städchen, das hauptsächlich aus College besteht. Dartmouth gehört zu den acht Ivy-League-Elite-Colleges und ist im Nebenberuf Großgrundbesitzer: Die Hälfte des Bundesstaats New Hampshire gehört dem College.

Das schönste aber an Hanover war der Besuch bei Karo, Micha und den Kids. Durch sie haben wir viel über das Leben in Amerika gelernt und viele unserer Eindrücke wurden bestätigt: Dass die Amerikaner tatsächlich unheimlich höflich, nett und zuvorkommend sind und dass Ernährung ein heikles Thema ist zum Beispiel. Aber wir haben auch gelernt: Die amerikanischen Supermärkte haben, wenn man sie lange genug von findigen Deutschen durchkämmen lässt, tatsächlich einiges zu bieten. Fleisch zum Beispiel, das so gut und so günstig ist, wie man es in Deutschland nie bekommen würde. Die Meiners sind gerade auf einer Rindfleischdiät: Sie essen so viel davon wie sie können, damit sie es in Deutschland nicht so sehr vermissen. Einen großen Fetzen Fleisch, der bei uns locker 40 Euro kosten könnte, gibt es hier für sieben Dollar. In allerbester Qualität. Insbesondere Thomas ging das Herz auf, als all das erst auf dem Grill und dann auf unseren Tellern landete. Und: Es gab deutsches Bier! Ich bin also zuversichtlich, dass wir bis zu unserer Rückkehr ohne weitere Entzugserscheinungen überleben werden.

Am 4. Juli dann der große Tag. Im beschaulichen Hanover waren alle auf den Beinen – entweder in der Parade oder am Straßenrand, um die Parade zu sehen. Mein persönlicher Höhepunkt waren die tanzenden Fleischfachverkäufer des örtlichen Supermarkts, die im Takt von Shania Twain Einkaufswagen vor sich her schoben und die Hüften (die eigenen) schüttelten. Es gab polierte Oldtimer, verchromte Feuerwehrwagen, aufgeregte Kinder, erfreulich viel freiwilliges Engagement, kostenlose Eiscreme und eine nicht ungesund wirkende Portion Nationalstolz. Schön war das.

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