Mein lieber Kollege P. ist großer Wurst-Fan und auch ich als Thüringer Kind bekenne mich zumindest zu einem gewissen Grad an Bratwurstfaschismus, wenn ich mich zum Beispiel an sächsischen Grills befinde und die daraufliegenden Würste verschmähe. Zu Recht! Jedenfalls… Bin ich heute über Umwege auf eine gar lustige Seite gelangt. Bei wurstblog.de gibt es zum Beispiel diese wichtige Grillverordnung:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch finden sich kleidsame Leibchen, wie dieses, welches es scheinbar nur als Männer-Variante gibt:

 

 

 

 

 

 

 

Viel Spaß beim Wurstseitenstöbern. Ich geh jetzt Abendessen – es gibt frische Mortadella, kein Witz. Für euch zum Appetitholen noch ein Liedchen:

Bo Marley mit “Fleisch” – geht los bei 5:38 from dirtie auf Vimeo.

 

Ich bin seit einer Woche auf Tour durch die Thüringer Bürgermedien, also auch durch Thüringen generell. Ich habe Gera gesehen und konnte die neulich zitierte Kulturermangelung weder bestätigen noch verneinen, Subkultur in Gestalt von würdigen Vertretern wollte sich mir nicht zeigen. Oder zählen sehr junge und sehr übergewichtige Mütter schon zu einer Subkultur, wenn man innerhalb von zehn Minuten mehr als ein Exemplar sieht?

Ansonsten ist es wie immer: Thüringen ist schön, die Menschen sind nett undsoweiterundsofort. Ich bin alleine unterwegs und komme daher viel zum Nachdenken und beim Nachdenken und Essensuchen ist mir eine Sache an mir aufgefallen: Ich kann nicht alleine essen. Deshalb kleckere ich zum Beispiel, wenn ich einen Unitag allein daheim verbringe, mit Vorliebe meine Spaghettisauce auf das heimische Sofa, weil dann die Austauschmütter, die überforderten Mütter oder generell einfach nur die Hartz-Vier-Mütter aus dem Privatfernsehen mir Gesellschaft beim Essen leisten. Bin ich aber alleine draußen, dann fehlen die anonymen Mütter zum Gesellschaftleisten und ich trau mich schwer, allein in einem Restaurant durch die Gegend zu starren, bis das Essen kommt. Die Lösung dieses meines großen Problems in Thüringen ist leicht, allerdings bezieht sich das “leicht” da nur auf die Essensbeschaffung, nicht auf den Nährwert an sich. Das klassische Thüringer Fastfood ist wie jedes Fastfood fein fetthaltig, schmeckt aber irre gut und man kann es total anonym und ohne Langeweile beim Schlendern essen. Ich habe also kurz überlegt, ob ich auf meiner Thüringenrundreise überall Bratwürste esse und die Testergebnisse hier kundtue.

Der Versuch scheiterte aus mehreren Gründen. Der Gewinner stünde von vornherein fest – es sind die Bratwürste von Mannheims in der Saalfelder Fußgängerzone. Außerdem ist es echt sportlich, wenn man vier Termine in vier verschiedenen Städten hat und überall eine Wurst essen will / muss.  Und: Heute, in Nordhausen und im Eichsfeld, habe ich nirgends einen Bratwurststand gesehen. Doch, einen, aber der war voller Bauarbeiter und da wollte ich mich nicht dazwischen gesellen. Ansonsten scheint das eine bratwurstbefreite Zone zu sein, dort im Norden, und das führt mich zu der These, dass das Gebiet unter Umständen gar nicht mehr Thüringen ist. Es ist zu überlegen, ob ich diese beiden Offenen Kanäle überhaupt mit in meine Untersuchung einbeziehen muss, wo sie doch augenscheinlich außerhalb des Bratwurstäquators liegen.

Das Eichsfeld macht da erst gar keinen Hehl draus. Alles, was ich heute über das Eichsfeld gelernt habe: Auch hier gibt es überdurchschnittlich junge und überdurchschnittlich übergewichtige junge Mütter. Außerdem sollen die Eichsfelder “ein ganz eigenes Völkchen” sein, sagte mein Interviewpartner und konkretisierte das mit Eigenschaftszuweisungen wie bodenständig, konservativ, eigensinnig. Sie fühlen sich wohl weder Thüringen noch irgendeinem anderen Bundesland zugehörig und es gab tatsächlich Bestrebungen, einen eigenen Freistaat zu gründen. Ich glaube, die Einwohnerzahl würde unter einem Drittel Bremens liegen.

Was habe ich also gemacht? Ich bin schnell wieder zurück in mein weltoffenes Leipzig gefahren, habe mir den Freund geschnappt, damit ich nicht allein essen muss und mir dann im Grundmann eine Eichsfelder Käsesuppe bestellt. Köstlich, wirklich!

Käsesuppeschild

Mahlzeit wünscht

Frau Hansen, die heute Wurstsushi zubereitet hat. Dazu bei Bedarf mehr morgen.

 

Ich bin nach einem party-, patenkind-, badesee- und – na klar – bratwurstgeladenen Wochenende in Thüringen zurück. Nebenbei wurde ich auch bewahlkämpft, was in Thüringen aber ungefähr so dezent nebenbei passiert wie das ordnungsgemäße Bratwürsterollen bevor man sie auf den Grill legt. Nix besonderes, der Vati macht das halt einfach mal mit und dann wird schon irgendwann mal ein Althaus eine Bratwurst fertig sein. Thüringen funktioniert in Sachen Wählerfang so:

1. Die SPD: Am Straßenrand hängen Plakate mit dem freundlichen Günther Jauch des hiesigen Ortsverbands. Das ist doch arglistige Täuschung, sagen da einige, und glauben, dass der freundliche Herr Jauch Majewski mit seinem Look-a-like-Kontest auf den Plakaten die Wähler verführt. Das ist aber noch nichts gegen:

2. Die CDU: Die hatte ein Plakat geklebt, auf dem Althaus mit diversen Wahlhelfern zu sehen war. Darunter auch der afrikanischstämmige Zeca Schall. Mittlerweile werden diese Plakate ausgetauscht. Warum? Die NPD, die sonst kaum auffällt im Land ohne Prominente, beschimpfte und bedrohte den Mann aufs Übelste, bezeichnete ihn als “Quoten-Neger” und forderte ihn zur “Heimreise” auf. Die würde eigentlich direkt in Thüringen enden, weil Schall seit 1988 hier lebt und seit fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft hat, das weiß aber von der NPD scheinbar niemand beziehunsweise wird das den Herren egal sein. Die CDU dementiert, die Plakate wegen der NPD-Kritik zu tauschen, komisch wirkt das alles trotzdem. Mindestens genauso komisch wie:

3. Die CDU und ihr Wahlwerbepaket: Eine Tüte, auf der mir Dieter Althaus persönlich viel Spaß im Garten wünscht, Sonnencreme (“Damit Sie im Sommer nicht rot werden”), ein Magazin voller Gartentipps und Gartengeschichten aus Thüringen, ein CDU-Senf mit dem Konterfei des Wahlkreiskandidaten. Das ist Wahlkampf, Freunde! Ach ja: Ich habe den Zettel vergessen, dessen Stichpunkten ich entnehmen konnte, dass der Maik Koschewski auf meiner Schule war und Radwege in der Region genauso gut findet wie einen verbesserten Kindergartenschlüssel.

4. Die Linke: Die hatte ganz schön verkackt mit ihren zwei inhaltsgeladenen Prospekten. Also grilltechnisch-thüringisch können die nix holen.

Ich überlege jetzt, was und wie ich wählen soll. Freunde, ich sage euch, das wird nicht leicht.

Grüße von mir und meinem Bratwurstbauch,

Kristin

 

Eine traumhafte Allegorie am Ende eines wahrlich traumhaften Tages. Der Freund und ich sind seit heute für ein verlängertes Wochenende in elterlichen Gefilden und es fühlt sich jetzt schon an wie Urlaub. Ich mag Thüringen unheimlich gern, das wird mir immer mehr bewusst, je mehr mir Leipzig ans Herz wächst. Hä, wie geht denn das? Als Kontrastprogramm. Klar kann man hier nicht auf Dauer wohnen (ich nicht), denn es fehlen einfach so Sachen wie ein großer Rundfunksender (jaaaa, ihr Experten, das Landesfunkhaus zählt jetzt nicht), eine Karli, die Möglichkeit, abends aus mindestens zehn Veranstaltungen zu wählen, der Cossi, die eigene Wohnung, die Freunde und die Dinge, die mir kurz entfallen sind, wenn es um Stadtleben geht.

Aber man kann ja auch nicht nur die ganze Zeit Arte gucken. Deshalb hat Thüringen so ab und zu echt seine Vorteile, wenn es um Wiesen, Würste und – ja – auch Wein geht. Ich habe heute erstmals thüringischen Wein getrunken (am Vormittag in der Sonne auf einem Weingut an der Saale hellen Strande - das ist genauso idyllisch und kitschig und betrunkenmachend wie ihr euch es jetzt gerade vorstellt) und wieder einen Grund gefunden, das alles hier superst zu finden. Beweisfotos folgen. Ich trage mich ernsthaft mit dem Gedanken, für immerimmerimmer hauptwohnsitzende Thüringerin zu bleiben.

Bitte entschuldigt die heimatliche Liebeserklärung und schiebt es auf die Auswirkungen einer Schweinegrippenwoche. Als Ausgleich habe ich für euch noch ein tolles Rätsel. Seit gestern weiß ich dank dem Freund, wie Old Shatterhand mit Vornamen hieß und wer das von euch rauskriegt, bekommt auch wieder ein virtuelles Eis (das alte ist ja noch übrig, weil keiner auf die Simmi-Sache reagierte, aber keine Angst, das ist noch gut). Ach ja: “Old” is falsch, das kann ich euch schon mal sagen…

So, na dann, ab nach Thüringen und ausruhen, ihr geplagten Gemüter!

Die Lokalpatriotin.

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