Ich bin seit einer Woche auf Tour durch die Thüringer Bürgermedien, also auch durch Thüringen generell. Ich habe Gera gesehen und konnte die neulich zitierte Kulturermangelung weder bestätigen noch verneinen, Subkultur in Gestalt von würdigen Vertretern wollte sich mir nicht zeigen. Oder zählen sehr junge und sehr übergewichtige Mütter schon zu einer Subkultur, wenn man innerhalb von zehn Minuten mehr als ein Exemplar sieht?
Ansonsten ist es wie immer: Thüringen ist schön, die Menschen sind nett undsoweiterundsofort. Ich bin alleine unterwegs und komme daher viel zum Nachdenken und beim Nachdenken und Essensuchen ist mir eine Sache an mir aufgefallen: Ich kann nicht alleine essen. Deshalb kleckere ich zum Beispiel, wenn ich einen Unitag allein daheim verbringe, mit Vorliebe meine Spaghettisauce auf das heimische Sofa, weil dann die Austauschmütter, die überforderten Mütter oder generell einfach nur die Hartz-Vier-Mütter aus dem Privatfernsehen mir Gesellschaft beim Essen leisten. Bin ich aber alleine draußen, dann fehlen die anonymen Mütter zum Gesellschaftleisten und ich trau mich schwer, allein in einem Restaurant durch die Gegend zu starren, bis das Essen kommt. Die Lösung dieses meines großen Problems in Thüringen ist leicht, allerdings bezieht sich das “leicht” da nur auf die Essensbeschaffung, nicht auf den Nährwert an sich. Das klassische Thüringer Fastfood ist wie jedes Fastfood fein fetthaltig, schmeckt aber irre gut und man kann es total anonym und ohne Langeweile beim Schlendern essen. Ich habe also kurz überlegt, ob ich auf meiner Thüringenrundreise überall Bratwürste esse und die Testergebnisse hier kundtue.
Der Versuch scheiterte aus mehreren Gründen. Der Gewinner stünde von vornherein fest – es sind die Bratwürste von Mannheims in der Saalfelder Fußgängerzone. Außerdem ist es echt sportlich, wenn man vier Termine in vier verschiedenen Städten hat und überall eine Wurst essen will / muss. Und: Heute, in Nordhausen und im Eichsfeld, habe ich nirgends einen Bratwurststand gesehen. Doch, einen, aber der war voller Bauarbeiter und da wollte ich mich nicht dazwischen gesellen. Ansonsten scheint das eine bratwurstbefreite Zone zu sein, dort im Norden, und das führt mich zu der These, dass das Gebiet unter Umständen gar nicht mehr Thüringen ist. Es ist zu überlegen, ob ich diese beiden Offenen Kanäle überhaupt mit in meine Untersuchung einbeziehen muss, wo sie doch augenscheinlich außerhalb des Bratwurstäquators liegen.
Das Eichsfeld macht da erst gar keinen Hehl draus. Alles, was ich heute über das Eichsfeld gelernt habe: Auch hier gibt es überdurchschnittlich junge und überdurchschnittlich übergewichtige junge Mütter. Außerdem sollen die Eichsfelder “ein ganz eigenes Völkchen” sein, sagte mein Interviewpartner und konkretisierte das mit Eigenschaftszuweisungen wie bodenständig, konservativ, eigensinnig. Sie fühlen sich wohl weder Thüringen noch irgendeinem anderen Bundesland zugehörig und es gab tatsächlich Bestrebungen, einen eigenen Freistaat zu gründen. Ich glaube, die Einwohnerzahl würde unter einem Drittel Bremens liegen.
Was habe ich also gemacht? Ich bin schnell wieder zurück in mein weltoffenes Leipzig gefahren, habe mir den Freund geschnappt, damit ich nicht allein essen muss und mir dann im Grundmann eine Eichsfelder Käsesuppe bestellt. Köstlich, wirklich!

Mahlzeit wünscht
Frau Hansen, die heute Wurstsushi zubereitet hat. Dazu bei Bedarf mehr morgen.