Ich weiß nicht, wie es soweit kommen konnte. Da vertritt man als Kind seit Äonen von Jahren eine durchaus trotzige Antihaltung gegen Apple-Produkte jedweder Art, kauft sich sogar nur mit einigermaßen angeknackstem Gewissen ein Samsungs-Smartphone (immerhin sieht es dem iPhone verdammt ähnlich, ist aber natürlich viel smarter und liebenswerter) und findet selbst die iPods mit ihrem iTunes-Zwang nach wie vor unangenehm (was schwer genug ist) – da entwickelt sich das eigene Fleisch und Blut so nach und nach zu einer vorzeigbaren Mac-Familie. Erst freundet sich der Vater mit einem iPhone an (und kann es sogar bedienen, das muss man dazu sagen), dann finde ich im elterlichen Arbeitszimmer, gut versteckt im Schrank, ein MacBook. Was soll man dazu sagen… Vor allem jenes: Dass es doch traurig ist, dass die eigenen Eltern ein bisschen Angst vor der Meinung der Tochter haben und nicht nur die. Daher muss ich für mein Seelenheil folgende Bekanntmachung bekannt machen:

Liebe Alle, die ihr euch von meiner Apple-Phobie eingeschüchtert fühlt: Meine Zuneigung ist unabhängig von euren Besitztümern. Erfreut euch also bitte ungemindert an euren technischen Geräten und bitte, gebt dafür so viel Geld aus, wie es Steve Jobs von euch verlangt. Aber glaubt bloß nicht, ihr kriegt mich auch noch rum. Und fragt mich nie, warum im iPod Alben, die mehr als einen Interpreten haben, nicht zusammenhängend angezeigt werden wie in jedem stinknormalen Windows-Explorerordner, sondern plötzlich in gefühlten fünfzehn Einzelordnern liegen. Da möchte ich gar nicht drüber nachdenken, sonst werde ich am Ende doch noch ärgerlich.

Ich würde mir unterdessen dann mal das hier kaufen:

 

Ach, Freunde des iPhones oder der Genugtuung, ich bekam letzte Woche einen Artikel zugetragen, der runter geht wie Öl und den ich dem geneigten Blogleser nicht vorenthalten kann. Kurze Zusammenfassung: iPhone-Besitzer verhalten sich so wie Geiseln, die am Stockholm-Syndrom leiden. Dieses Syndrom wurde bei Entführungsopfern beobachtet: Als Reaktion auf den psychischen Druck der Geiselnahme zeigen die Betroffenen Sympathie und Verständnis für ihren Geiselnehmer.

Und was hat das jetzt mit dem iPhone zu tun? Also, laut Artikel sind die Besitzer der Überwasserwaage einem mächtigen Selbstbetrug aufgesessen. Sie stehen hinter ihrem Geiselnehmer, dem iPhone, egal was passiert. Zwar sei das iPhone ohne Zweifel schick designt und fantastisch zu bedienen, aber es gibt dennoch Mankos: Die ersten Geräte zum Beispiel konnten keine MMS verschicken oder keine SMS weiterleiten. Es kann nicht mehrere Anwendungen gleichzeitig ausführen und der Akku kann nicht ausgetauscht werden. Es gibt wohl noch mehr Mängel, die eine dänische Beraterfirma aufgelistet hat.

Interessant wird’s, wenn man iPhone-User mit diesen Mängeln konfrontiert. Die nehmen das geliebte Gerät dann nämlich ohne Wenn und Aber in Schutz, meist mit dem Argument: “Die Funktion braucht man ja auch gar nicht.” Also: Auch wenn der Geiselnehmer böse ist, hat man ihn trotzdem unheimlich gern, weil das die Psyche entlastet – immerhin war die Anschaffung des Geräts extrem teuer und man will doch jetzt wirklich nicht seine eigene Kaufentscheidung in Frage stellen. Nein, das will man wirklich nicht.

Ist gespannt auf die Rechtfertigungskommentare der Apple-Freunde,

Frau Hansen.

 

Wenn man es nach wie vor nicht nachvollziehen kann, warum man für ein Telefon mit integrierter Wasserwaage 300 Euro bezahlen soll und warum ein MacBook so unverschämt teuer ist und trotzdem alle eins haben wollen, selbst, wenn sie damit auch nur im Internet surfen und was in Word schreiben oder wie auch immer das bei Apple heißt (iWord? iTextverarbeitung?), dann ist die Spiegel-Titelgeschichte diese Woche Wasser auf die Mühlen der Apple-Antihaltung hilfreich:

“Produkte, die die Menschheit verlangt, weil die Menschheit offenbar glaubt, dass diese Produkte das moderne Leben erleichtern, mehr noch: dass modernes Leben aus dem Besitz dieser Produkte besteht.”

“Nun bringt Apple das iPad auch in Deutschland auf den Markt, einen knapp DIN-A4-großen, fingerdicken Computer in Form eines Tabletts. Seit über einem Jahrzehnt versuchen Apples Konkurrenten so einen Computer zu etablieren, sie alle sind gescheitert. Aber natürlich ist das iPad schick und cool und schnell, es ist der bekannte Ansatz: eine vorhandene Idee zu nehmen und sie so zu verpacken, dass Massen sie kaufen.”

“Das alles hat viel mit unserer Zeit zu tun und der Art, wie wir leben wollen. Ein iMac im Büro, ein MacBook für unterwegs, einen iPod zum Joggen, ein iPad für die Bildung und ein iPhone für die Verbindung zu all den anderen ewig Jugendlichen: So will sich der Mensch des 21. Jahrhunderts offenbar sehen, so will er gesehen werden, und in New York, Tokio, London, Berlin oder Hamburg lebt er längst so.”

(Quelle: “Der Philosoph des 21. Jahrhunderts” von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz, Spiegel vom 26.4.2010)

Und das am besten mit Nerd-Brille auf. Komisch, dass es noch nicht die iNerdbrille gibt mit integriertem Farbwechselschema und iTunes, um die Albencover all der hippen neuen Indiebands anschauen zu können, während man in der Straßenbahn nach Thekla fährt.

Ich lese jetzt noch die Geschichte weiter, da geht es dann um den “diabolischen” Apple-Philosophen Jobs und sein “hero-shithead roller coaster”-Herrschaftsprinzip. Und so glänzend und modern die ganzen iPhones dieser Welt auch blinken – ich glaube, ich werde danach umso überzeugter mein sympathisch-laut-lüftendes Vaio und mein 30-Euro-Nokia benutzen, das nichts kann außer telefonieren, SMS schreiben und: mit der Taschenlampenfunktion eine kleine Taschenlampe sein. Immerhin gehöre ich damit noch zu den wenigen, die sich an ausgelassenen Diskussionen über Themen des gemeinen Halbwissens beteiligen können ohne sofort im mobilen Wikipedia die Antwort zu erfragen und damit jegliche kreative Ursachenherleitung zu unterbrechen. Und das ist doch auch schön.

PCige Grüße von der Frau Hansen.

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