Wenn man es nach wie vor nicht nachvollziehen kann, warum man für ein Telefon mit integrierter Wasserwaage 300 Euro bezahlen soll und warum ein MacBook so unverschämt teuer ist und trotzdem alle eins haben wollen, selbst, wenn sie damit auch nur im Internet surfen und was in Word schreiben oder wie auch immer das bei Apple heißt (iWord? iTextverarbeitung?), dann ist die Spiegel-Titelgeschichte diese Woche Wasser auf die Mühlen der Apple-Antihaltung hilfreich:
“Produkte, die die Menschheit verlangt, weil die Menschheit offenbar glaubt, dass diese Produkte das moderne Leben erleichtern, mehr noch: dass modernes Leben aus dem Besitz dieser Produkte besteht.”
“Nun bringt Apple das iPad auch in Deutschland auf den Markt, einen knapp DIN-A4-großen, fingerdicken Computer in Form eines Tabletts. Seit über einem Jahrzehnt versuchen Apples Konkurrenten so einen Computer zu etablieren, sie alle sind gescheitert. Aber natürlich ist das iPad schick und cool und schnell, es ist der bekannte Ansatz: eine vorhandene Idee zu nehmen und sie so zu verpacken, dass Massen sie kaufen.”
“Das alles hat viel mit unserer Zeit zu tun und der Art, wie wir leben wollen. Ein iMac im Büro, ein MacBook für unterwegs, einen iPod zum Joggen, ein iPad für die Bildung und ein iPhone für die Verbindung zu all den anderen ewig Jugendlichen: So will sich der Mensch des 21. Jahrhunderts offenbar sehen, so will er gesehen werden, und in New York, Tokio, London, Berlin oder Hamburg lebt er längst so.”
(Quelle: “Der Philosoph des 21. Jahrhunderts” von Klaus Brinkbäumer und Thomas Schulz, Spiegel vom 26.4.2010)
Und das am besten mit Nerd-Brille auf. Komisch, dass es noch nicht die iNerdbrille gibt mit integriertem Farbwechselschema und iTunes, um die Albencover all der hippen neuen Indiebands anschauen zu können, während man in der Straßenbahn nach Thekla fährt.
Ich lese jetzt noch die Geschichte weiter, da geht es dann um den “diabolischen” Apple-Philosophen Jobs und sein “hero-shithead roller coaster”-Herrschaftsprinzip. Und so glänzend und modern die ganzen iPhones dieser Welt auch blinken – ich glaube, ich werde danach umso überzeugter mein sympathisch-laut-lüftendes Vaio und mein 30-Euro-Nokia benutzen, das nichts kann außer telefonieren, SMS schreiben und: mit der Taschenlampenfunktion eine kleine Taschenlampe sein. Immerhin gehöre ich damit noch zu den wenigen, die sich an ausgelassenen Diskussionen über Themen des gemeinen Halbwissens beteiligen können ohne sofort im mobilen Wikipedia die Antwort zu erfragen und damit jegliche kreative Ursachenherleitung zu unterbrechen. Und das ist doch auch schön.
PCige Grüße von der Frau Hansen.
Die ersten Kommentare sind bei Facebook gelandet:
Heike: “Danke dafür. Und: Es gibt ein Leben außerhalb des iLebens!
(Und mir wird grad wieder bewusst, dass mein PC auch ein verdammter Lautrauscher ist…
)”
Björn: “Ich hatte schon einen Apple als die noch grau und h… Mehr anzeigenässlich waren und da bin ich nicht der einzige. Ich bin immernoch bei Apple, weil die einfach spitzen Produkte bauen. Design+Funktionalität ganz groß geschrieben. Das es einige viele gibt die die Dinger nur kaufen weil es grade hip ist, rechtfertigt noch keine Spiegel Titelstory. Tut mir einfach leid, dass die ganzen anderen Firmen es einfach nicht fertig bekommen auch nur annähernd an Apple ran zu kommen. Versteh ich nicht. Dann wäre das einfach alles ganz normal und man müsste nicht gleich eine Verschwörungstheorie dahinter vermuten.
Das es kommunikationshinderlich ist wenn jemand bei jeder aufkommenden Diskussion gleich die passende Antwort im Netz findet, ist schon richtig…aber das geht ja nicht nur mit dem iPhone (-: naja soweit…”
Björn: Ne Verschwörungstheorie sieht anders aus. Das ist ein Versuch, den Hype zu erklären. Und ja, es ist ein Hype. Und gut, wenn die Produkte dann wenigstens halten, was sie versprechen – das will ich ja gar nicht in Abrede stellen. Eine Titelstory ist es vor allem deshalb geworden, weil die Autoren in sechs Gesprächen mit (Ex-)Apple-Mitarbeitern versucht haben, Steve Jobs nahe zu kommen und das ist tatsächlich sehr interessant. Lies das mal.
Hmpf: iLike apple. Und diese Berichterstattung find ich gut – im besten Fall wird der Pool der Apple-Anhänger wieder auf ein angenehmes Maß reduziert.
Ich weiß nicht, was hier passiert ist (also nicht ganz genau)… Auf jeden Fall war der Artikel eine Zeit lang weg und mit ihm alle Kommentare. Jetzt ist der Artikel wieder da, aber mit ihm nur drei Kommentare. Das tut mir leid.