Was für ein Geburtstagswunsch. Ich werde künftig jedem das zum Geburtstag wünschen. Das Lied des Aprils ist das Lied meines Geburtstagsmonats:

Als ich das Lied das erste Mal gehört habe, dachte ich: Geil, endlich mal ein schönes Lied, zu dem man später Walzer bei der Hochzeit tanzen kann. Jetzt, wo ich das Video gesehen habe, könnte man auch denken: Geil, warum nicht eigentlich mit Dan Mangan tanzen oder ihn heiraten – gäbe es nicht schon den viel besserereren Tänzer und Menschen zum heiraten. Vielleicht könnt ihr anderen dann aber auf dem Fest die Choreografie der umstehenden Figuren aufführen. Erscheint mir jetzt nicht so komplex. Ihr dürft aber auch einfach nur zuhören und das Lied gut finden. Jetzt zum Beispiel, und kurz den Regen da draußen ausblenden.

 

Irgendwann im Herbst ziehe ich immer die Schublade auf, wo alle Spezialbesteckteile wild durcheinander liegen. Heute zum Beispiel. Das Messer habe ich gleich in der Hand, den Löffel finde ich erst später. Ich hatte mal zwei Sets, beide geschenkt bekommen. Eins von BSF, eins von WMF. Heute hatte ich das Messer von BSF in der Hand und den Löffel von WMF. Interessehalber gucke ich also noch mal nach den Pendants, finde aber nur ein weiteres Messer von BSF. Was ist da passiert über den Sommer? Hat sich Frau WMF von ihrem Mann getrennt und ihn rausgeworfen? Hat sie mit Herrn BSF einen Sohn gezeugt? Man weiß es nicht. Mysteriöse Dinge gehen vor sich in dieser Schublade, heute zu Halloween, da will man lieber gar nicht noch mehr drin rum wühlen.

Also, mit Herrn BSF und Frau WMF rücke ich der Grapefruit zu Leibe. Grapefruitessen ist Herbst- und Winterangelegenheit, heute hat die Saison begonnen. Und immer, wenn ich Grapefruits esse, muss ich so sehr an meine Oma denken, dass es schon fast weh tut. Das weiß sie wahrscheinlich gar nicht. Muss ich ihr mal erzählen. Früher hat mich meine Oma immer mit Grapefruits gefüttert, ich glaube, wir haben sie einfach Pampelmuse genannt. Grapefruitmesser- und -gabeln gab’s da nicht, aber die Technik war die gleiche (halbieren, Zucker drauf, das Fleisch zwischen den Häuten rausfiletieren, essen, zum Schluss den Rest aus der Schale kratzen, essen) und ich glaube, meine Mimik ist auch die gleiche wie bei meiner Oma damals. Der Grapefruitsaft spritzt nämlich ein bisschen, gern auch ins Gesicht, also macht man ein kleines Zitronengesicht beim Verzehr.

Grapefruitessen macht alles klebrig und dauert lange. Deshalb drücke ich mich immer so lange davor, bis ich Angst habe, die Grapefruit wird schlecht, wenn ich sie nicht jetzt esse. Mal Oma fragen, ob sie vielleicht ab und zu Lust hätte, mich mit Grapefruit zu füttern. Das ging irgendwie leichter für mich damals. Jedenfalls ist Grapefruitessen aber eine gute Tätigkeit, um nachzudenken, zum Beispiel, wie es hier auf diesem Blog weitergehen soll, den ich so kalt und herzlos zurück ließ. Leider bin ich zu keinem Entschluss gekommen. Aber wenn ihr dabei seid, gucke ich einfach mal, was die nächsten Wochen so bringen. Ich kann ja noch mal in der Schublade kramen, vielleicht findet sich noch eine Spezialbesteckanekdote.

 

Es gibt neue Streetarts in der Galerie, Freunde! Dank der Reisesiolita jetzt auch aus aller Welt. Größten Dank dafür, mein Herz.

Buenos Aires (Argentinien), 2012

 

 

Ist mir schon klar, dass ich zu spät bin und auch wieder zu jung. Aber ich will ja gar nicht selber Bundespräsident/in werden, vorerst zumindest. Ich würde nur so unheimlich gern Mitglied der Bundesversammlung werden, liebe Zuständige für die Beorderung von Bundesversammlungsmitgliedern. Die ganze Sache ist ja durchaus nebulös, weil mehr als die folgenden Informationen gibt es nicht: Jedes Bundesland kann Menschen zur Wahl des Bundespräsidenten nach Berlin schicken. Die müssen keiner Partei angehören. Jeder, der zum Bundestag gewählt werden kann, kann auch zur Bundesversammlung gewählt werden. Wobei wir wieder bei mir wären. Und wenn Sebastian Krumbiegel und Peter Sodann schon mal Bundesversammlung sein konnten, dann könnte ich das aber sowas von auch. Man fragt sich an dieser Stelle durchaus zu Recht, warum ich das unbedingt will. Na weil ich unheimlich gerne mal im Bundestag auf so einem Stuhl sitzen würde, weil ich gerne beim Reinlaufen Veronica Ferres Parfüm rausriechen würde, weil es bestimmt Bundestagscateringschnittchen gibt und weil ich noch nie bei einer Bundesversammlung war. Also, wenn ihr noch wen sucht, liebe Sachsen: Ich wäre dabei.

 

Es ist Gartenpartywochenende. Jedes Jahr gibt mein Schulfreund eine Gartenparty und jedes Jahr kommen alle. Ein Jahr gab es mal Spanferkel, in einem Jahr hat Henne den Grill mit Benzin angezündet (ein Sündenfall im Heimatland der Grillerei), die Schnapssorten wechseln, die Nummer eins in den Grillparty-Singstarcharts bleibt dagegen seit Jahren gleich und, so fürchte ich, wird es für die Ewigkeit sein: “Wünsch dir was” von den Toten Hosen. Es gibt einen Klimmzugkontest, den in der Jungskategorie immer der Gastgeber gewinnt und bei der in der Mädchenkategorie ein Klimmzug ausreicht, um als Siegerin zu gelten. In diesem Jahr war ich das zusammen mit meiner Grundschulfreundin und wir haben mit Ramazotti drauf angestoßen. Das ist alles so zauberhaft Schulzeit-oesk, dass es sich irgendwie echt anfühlt.

Das möchte man dann gern für diesen Abend alles glauben, aber dann beschleicht einen fast gleichzeitig ein subtiles Gefühl, das man früher als Erwachsenenkram abtat, weil es das ja auch ist, aber man ertappt sich, wie man seufzt: “Kinderkinderkinder, wie die Zeit vergeht.” Sämtliche Prüfungs-, Diplomarbeits- oder auch WG-Geschichten sind durch, es geht jetzt in den Gesprächen um Arbeitseinstieg, Gehaltsverhandlungen, Ehepläne, Kindernamen und Nestbauaktivitäten. Es geht auch um Schwiegereltern und Fahrradtouren am Wochenende. Wie anständig und erwachsen man zwischen zwei Gartenpartys doch geworden ist. (Außer Henne: Der zieht die Punksache ernsthaft durch, mit “ACAB”-Tattoo auf dem Unterarm, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und “Platzverweis für Polizisten”-T-Shirt.)

Und wie heimatverbunden. Viele Schulfreunde sind in Thüringen geblieben oder dorthin zurück gekommen. Selbst die Rebellen von früher fragen gern mal nach, ob man denn nicht auch über den Kauf eines Einfamilienhauses, vorzugsweise im Postleitzahlenbereich der Eltern, nachdenke. Oha. Nein, natürlich nicht. Ist ja auch klar: Faktisch gibt es hier nichts zu tun – außer bei der Lokalzeitung oder dem Lokalsender, der “Fernsehen” mit “Werbeschrifttafeln” verwechselt. Faktisch ist auch nichts los. Am Wochenende war außer der Party noch Bierfest, an dessen Attitüde ich mich mit Grauen erinnere. Faktisch hatte meine Mutter doch recht, als sie mir mal in Bezug auf Eltern-Kinder-Sachen sagte: “Über die Ferne liebt es sich leichter.”

Aber dann fährt man am nächsten Tag durch dieses Thüringen, man wandert durch Flusstäler, die so schön sind, dass es schon fast weh tut, man hört nichts, außer Vögelzwitschern und Bachrauschen, man sieht diese Berge, man sieht dieses Grün, man atmet diese Luft. Man steigt nach alldem in sein Auto, der Vater verabschiedet sich in den Garten, die Felder ziehen an der Seitenscheibe vorbei und man glaubt bei jedem einzelnen Erdhaufen, dass er Zuhause bedeutet. Man würde jetzt gern umkehren und mit in den Garten gehen, einen Wein trinken und danach mit den Freunden zur Gartenparty. Man würde gern morgen wieder durch die Täler laufen und an nichts denken. Der Freund sagt: “Frau Hansen, das nennt man Heimat.” Je länger ich weg bin, umso mehr merke ich das. Im Autoradio läuft – und das ist die Wahrheit und keine romantisierte Märchengeschichte – “You are a tourist”:

“And if you feel just like a tourist in the city you were born: Then it’s time to go”

Ich beschließe also, mit der Heimat wie mit einem geliebten Urlaubsort zu verfahren. Man kommt ja wieder. Und wenn man ehrlich ist: Vermutlich würde man nicht noch mal in den Garten gehen und Wein trinken, weil man noch irgendwas machen muss. Vermutlich wären die Freunde mit dem Ausbau des Einfamilienhauses beschäftigt und vermutlich würden einen diese Täler genauso anöden wie das Einkaufspotential Saalfelds. Und man würde sich nach Leipzig sehnen.

“And define your destination: There’s so many different places to call home.”

Leipzig. Man kann ja auch zwei Zuhauses haben. Welch Luxus eigentlich.

 

Funktionierte die Streetartgallery gerade, dann könntet ihr nachzählen: Die meisten Streetarts, glaube ich, haben wir in Berlin und Barcelona gefunden. Ich dachte, das wäre lange nichts gegen New York. Wenn irgendwas Streetart ist, dann ja wohl New York. Und was ist? Selbst an einem gewöhnlichen Samstagnachmittag in Leipzig laufe ich an mehr Streetarts vorbei als in Manhattan. Das erste, das wir gesehen haben, war dieses hier:

 

Diesen Bullen hat ein Künstler in einer Nacht- und Nebelaktion im Börsenviertel aufgestellt. Er hat ihn mehrere Tausend Dollar an Material und mehrere Wochen an Zeit gekostet und soll die Stärke der New Yorker nach dem damaligen Börsencrash symbolisieren. Weil er im Weg stand, wuchtete die Polizei das Ding erstmal weg, aber die New Yorker setzten sich dafür ein, dass es wieder hingestellt wurde. Seitdem steht es “vorübergehend” vor einem kleinen Park und wird von dutzenden Menschen täglich beritten, um ein möglichst originelles Foto zu bekommen, was nur selten wirklich gelingt, dafür oft albern und obszön aussieht.

Ansonsten hält sich New York in Sachen Streetart sehr zurück. Scheinbar sind die Banksys und Obeys dieser Welt in der Bronx oder sonstwo tätiger. Wobei – einen echten Obey haben wir bereits eingesammelt:

Vielleicht hängt die zurückhaltende Straßenkunstkultur hier mit dem allgemeinen Sicherheitswahn und dem Bestreben, möglichst brav zu sein, zusammen. An jeder Ecke stehen gut und gerne mal fünf Polizisten auf einmal rum, Rauchen darf man nicht mal in öffentlichen Parks, Hupen an Ampeln kostet 350$ und in den Geschäften (Hollister, Baby…) fragt einen jeder gern auch dreimal, wie es denn so gehe und was so los sei. Da passen Streetarts vielleicht nicht so gut dazu, zumal auch die Straßen-, Fenster- oder Bürgersteigreinigungskräftedichte pro Quadratmeter hier höher sein dürfte als irgendwo anders – es gibt also genug Personal zum sofortigen Eliminieren und feucht Nachwischen. Mal sehen, ob wir noch zum Herz der Szene finden.

 

Heute begann der Tag, wie soll es anders sein in dieser Stadt, mit Superlativen. Wir sind um sechs aufgewacht – so früh wie nie zuvor in einem Urlaub. Wir haben auf New Yorks größter Hotelterrasse, die zufällig zu unserem Hotel gehört, gefrühstückt. Es ist im übrigen auch die stylischste, das steht mal fest. Dann sind wir mit den frischesten Füßen, die man nach einem hässlichen Anreisetag haben kann, zur blausten U-Bahn-Linie New Yorks gelaufen und haben freudig festgestellt: Die geschenkten Tickets von gestern funktionieren tatsächlich.

Yay! Yay ist bereits jetzt mein Wort des Jahres übrigens.
Der Tag im Kurzabriss: World Trade Center (wo gerade heftigst gebaut wird und die Bauarbeiter gern mal lässig Zigarre rauchen), Wallstreet (wo intellektuelle Musiker angestrengt rhythmische Protestmusik gegen die Börse schleuderten), Fähre nach Staten Island, Freiheitselse gesehen und “krass” gesagt, Montessorikindergartenausflügler an Bord (einheitlich in orange) niedlich gefunden, Staten Island dagegen für langweilig befunden (die wollen aber eh nicht mehr zur City gehören, heißt es), zurückgefahren, sehr lustige Performance einer Straßenkünstlergruppe bestaunt (“This is a live show and you are a live audience! If you like it: clap. If you don’t like it: clap.”), in die U-Bahn, zum Flatiron Building, auf dem Weg zum Empire State Building den Durchhänger (Thomas sagt: den Jetlag) einfach weggelaufen, dann in den Highline Park und der ist jetzt doch wieder ein paar mehr Worte wert. Früher gab es in New York eine Hochbahnlinie. Irgendwann wurde die eingestellt und die Gleise rotteten so vor sich hin. Vor einigen Jahren wurde das Gelände dann zu einem Park umgestaltet, mit Sonnenliegen, Wasserbecken für die Füße, sprechenden Wasserspendern und superduper Eisständen: Die verkaufen selbstgemachtes Wassereis und – noch besser – “scrape ice”: Von einem riesigen Eisblock wird Eis abgekratzt, in einen Becher gegeben und dann kommt Sirup drüber. Der Wahnsinn.
Jetzt liegen wir im Bett (hochgefahren), essen Chips, hören Feist über den MP3-Player am Flatscreen und trinken Brooklyn Summer Ale. Geil. Mutti hätte geschimpft früher. Soll sie jetzt mal versuchen. Und während ihr euch vermutlich dauerhaft im Bett eingerichtet habt, starten wir gleich wieder in die nächste Runde Superlativstadt. Hier ist es nämlich erst 18 Uhr und diese Stadt, so heißt es, schläft nicht vor dem Sanktnimmerleinstag.

 

Ich weiß nicht, wie es soweit kommen konnte. Da vertritt man als Kind seit Äonen von Jahren eine durchaus trotzige Antihaltung gegen Apple-Produkte jedweder Art, kauft sich sogar nur mit einigermaßen angeknackstem Gewissen ein Samsungs-Smartphone (immerhin sieht es dem iPhone verdammt ähnlich, ist aber natürlich viel smarter und liebenswerter) und findet selbst die iPods mit ihrem iTunes-Zwang nach wie vor unangenehm (was schwer genug ist) – da entwickelt sich das eigene Fleisch und Blut so nach und nach zu einer vorzeigbaren Mac-Familie. Erst freundet sich der Vater mit einem iPhone an (und kann es sogar bedienen, das muss man dazu sagen), dann finde ich im elterlichen Arbeitszimmer, gut versteckt im Schrank, ein MacBook. Was soll man dazu sagen… Vor allem jenes: Dass es doch traurig ist, dass die eigenen Eltern ein bisschen Angst vor der Meinung der Tochter haben und nicht nur die. Daher muss ich für mein Seelenheil folgende Bekanntmachung bekannt machen:

Liebe Alle, die ihr euch von meiner Apple-Phobie eingeschüchtert fühlt: Meine Zuneigung ist unabhängig von euren Besitztümern. Erfreut euch also bitte ungemindert an euren technischen Geräten und bitte, gebt dafür so viel Geld aus, wie es Steve Jobs von euch verlangt. Aber glaubt bloß nicht, ihr kriegt mich auch noch rum. Und fragt mich nie, warum im iPod Alben, die mehr als einen Interpreten haben, nicht zusammenhängend angezeigt werden wie in jedem stinknormalen Windows-Explorerordner, sondern plötzlich in gefühlten fünfzehn Einzelordnern liegen. Da möchte ich gar nicht drüber nachdenken, sonst werde ich am Ende doch noch ärgerlich.

Ich würde mir unterdessen dann mal das hier kaufen:

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